Warum sind SUVs so beliebt? Symbolbild: SUV-Autohaus
Klimakrise,  Verkehr

Warum sind SUV so beliebt?

Die Deutschen und ihre Autos – ein unergründliches Mysterium: Sobald wieder einmal ein Tempolimit auf Autobahnen diskutiert wird, geht ein Aufschrei durchs Land. Wir dulden einen Verkehrsminister, der Städten rät, gegen Fahrverbote zu klagen, die die Gesundheit der Bevölkerung schützen sollen. Und dann gibt es da eben noch die SUV, die einen Verkaufsrekord nach dem anderen brechen. Ein Fahrzeugtyp, der unzeitgemäßer nicht sein könnte. Kompakte, sparsame Autos sind out.

Aber warum sind SUV so beliebt? Wie um Himmels Willen ist es zu erklären, dass die Deutschen (und leider nicht nur die) sich immer größere Autos mit immer stärkeren (und durstigeren) Motoren kaufen, wo doch viele Straßen bereits heute verstopft und Parkplätze rar sind? Und wie passt das mit der Erkenntnis zusammen, dass wir unseren CO2-Ausstoß massiv reduzieren müssen, um unser Klima zu retten?

Es wäre zu einfach, einen Blog-Artikel lang SUV-Bashing zu betreiben. Aber durch Konfrontation und Abgrenzung löst man keine Probleme. Daher versuche ich im Folgenden das (für mich) fast Unmögliche: Eine Annäherung an die Denke und Fühle des deutschen SUV-Fahrers – und der SUV-Fahrerin.

Eine Frage des Charakters

Versuchen wir zunächst, uns dem SUV-Boom über den Namen zu nähern: SUV steht für Sport Utility Vehicle – Sportnutzfahrzeug. Ein Name, so klobig wie das Endprodukt. Was diese Karossen mit Sport zu tun haben sollen, erschließt sich mir nicht wirklich. Windkanal war gestern. Und als Nutzfahrzeug bezeichnet man in Deutschland eigentlich LKW, Busse usw. Vielleicht hat es mit der Geländegängigkeit zu tun? Ach nee, ein Großteil der in Deutschland verkaufen SUV hat keinen Allradantrieb – und keine Anhängerkupplung. Bleibt also eigentlich nur – wie beim Van – die erhöhte Sitzposition als praktischer Vorteil gegenüber einem herkömmlichen Kombi. Aber da muss doch noch mehr sein?

Halten wir fest: Über den Namen kommen wir nicht weiter. In den USA bezeichnet man Geländewagen aller Art als SUV. Und auch wenn die USA – objektiv betrachtet – derzeit auf diversen Feldern einen erbärmlichen Eindruck abgeben, so ist die amerikanische Lebensart doch immer noch für viele Menschen Vorbild und Trendsetter.

Auf den ersten Blick scheint die Sache klar: Während anderswo Understatement gepflegt wird, sind SUV vor allem Protz und Fake. Sofort kommen einem kleine Schniedel und sonstige Minderwertigkeitskomplexe in den Sinn. Verbunden mit dem Irrsinn, mit einer riesigen, spritschluckenden Angeber-Karre, die nicht geländetauglicher ist als jede stinknormale Familienkutsche, zum nächsten Biomarkt zu cruisen.

Warum sind SUVs so beliebt? Symbolbild: SUV im Stau

Sicherheit und Status

Aber Moment, ich wollte ja nicht bashen. Was also spricht für den SUV im Vergleich zu anderen PKW-Typen? Wahrscheinlich zum einen das Gefühl von Sicherheit: Abgeschottet vom umgebenden Verkehr – ein bisschen wie in einem Panzer. Das hat zweifellos Vorteile im Falle eines Unfalls: Wer mit einem SUV kollidiert, sollte möglichst nicht in einem Kleinwagen sitzen – sondern am besten ebenfalls in einem SUV. So crasht man zumindest auf Augenhöhe. Vielleicht ist es aber auch eher ein Sicherheitsgefühl im übertragenen Sinne: „Die Welt wird insgesamt immer rauer und unsicherer, aber in meinem SUV kann mir niemand etwas anhaben.“ Hm, klingt plausibel.

Und außerdem (immer noch): Das eigene Auto als Statussymbol. Als Ausdruck eines bestimmten Lebensgefühls. Schaut her, was ich mir leisten kann. Ich bin wer. Mein SUV ist größer, schwerer, teurer als der meines Nachbarn und meines Kollegen. Ich war wohl zu naiv zu glauben, dass solche Schwanzvergleiche auf vier Rädern längst auf den Schrottplatz der Macho-Klischees des letzten Jahrtausends gelandet seien.

Im Gegenteil: SUV stehen auch bei Frauen hoch im Kurs. Gerade Mütter schätzen offenbar das Gefühl von Sicherheit und Schutz. Überhaupt funktionieren SUV generationenübergreifend, wie man selbst täglich im Straßenverkehr beobachten kann: Während Senioren vermutlich das bequeme Einsteigen und die erhöhte Sitzposition schätzen, dürfte es bei Jüngeren das vermeintlich „sportliche“ Aussehen und die starke Motorisierung sein.

SUV-Fahren ist das neue Rauchen

Auf den ersten Blick hinkt der Vergleich mit der Tabakindustrie ziemlich, aber die Parallelen sind verblüffend: Wie das Rauchen wird auch das SUV-Fahren als Sinnbild für Coolness und Freiheit vermarktet. Die Werbung zeigt uns SUV in der Weite der Steppe, im Gebirge, am Ufer eines reißenden Flusses. Sie macht uns süchtig nach immer größeren Karossen, um ja dem Nachbarn nicht unterlegen zu sein. Betrügerische Konzerne, die die fatalen Folgen des Nikotin… äh SUV-Konsums leugnen oder herunterspielen. Es ist wie beim Passivrauchen: Mit dem SUV killt man nicht nur sein eigenes Klima, sondern das seiner Mitmenschen gleich mit. Da können diese noch so viel mit Rad oder Bus fahren.

Aber zum Glück hat die clevere Autoindustrie bereits die rettende Lösung in Arbeit: Das motorisierte Pendant zur E-Zigarette – das E-SUV. Schon in der Herstellung werden diese Fahrzeuge so energieintensiv sein, dass dieser Ressourcenverbrauch in der gesamten Betriebsdauer nicht mehr wettgemacht werden kann. Warum die deutsche Autoindustrie – im Gegensatz zu den asiatischen Herstellern – überhaupt auf den Elektromotor anstatt auf Wasserstoffantrieb setzt, ist ein weiteres Rätsel. Dazu mehr in einem späteren Blog-Beitrag.

Warum sind SUVs so beliebt? Symbolbild: SUV-Scheinwerfer und -Kühlergrill

Vom 3-Liter-Auto zum 3-Liter-Auto

Ab Ende der 1990er Jahre gab es einen komplett gegenläufigen Trend: Kleinere, windschnittige Autos, hinreichend wendig für die Enge des Stadtverkehrs, kulminierend im sog. 3-Liter-Auto. Von solchen Verbrauchswerten sind die heutigen Flaggschiffe der sogenannten Premiumhersteller meilenwert entfernt. Okay, 3-Liter-Autos gibt es heute zu genüge – nämlich solche mit 3 Liter Hubraum.

Ich besitze einen französischen Kleinwagen mit 75 PS (ja, reicht völlig), in gelb, Baujahr 2001. Die meiste Zeit steht er vor dem Haus, aber wenn ich mal damit fahre, schäme ich mich. Nein, nicht weil er alt und gelb ist. Sondern weil ich damit meinen CO2-Abdruck vergrößere. Umso mehr frage ich mich: Wie kann man sich heute guten Gewissens ein SUV kaufen, das ungefähr doppelt so viel wiegt und dreimal so viel Hubraum hat? Okay, als kinderloser Best Ager mit „Nach-mir-die-Sintflut“-Attitüde mag das gehen. Aber als Mutter oder Vater? Wie kann man das seinen Kindern erklären!? „Liebe Kinder, sorry, wir verheizen gerade eure Zukunft, aber immerhin kommt ihr sicher und bequem zum Fußballtraining!“

Meine These ist Folgende: Viele SUV-Fahrer*innen halten sich paradoxerweise für umweltbewusste Menschen. Sie kaufen im Biomarkt ein und essen fleischarm. Aber sie sind nicht bereit, zum Wohle ihrer Kinder auf klassische Statussymbole zu verzichten und ihr Konsumverhalten zu ändern. Oder sie realisieren einfach nicht, was sie da tun. Es ist tragisch: Wenn es um ein Prestige-Objekt vor der Haustür geht, wird jede Vernunft (und die eigene CO2-Bilanz) ausgeblendet. Freie Fahrt für freie Bürger – ungebremst gegen die Wand.

Fazit

SUV spiegeln den Geist unserer Zeit perfekt wider: Sie sind ein Kunstprodukt, Fake, ohne echten funktionalen Mehrwert, aber mit maximalem Show-Faktor. Pseudo-Geländewagen für Stadtverkehr und Autobahn. Das Marketing der Auto-Hersteller versteht es wieder einmal perfekt, unsere Emotionen anzusprechen. Und so kaufen wir Produkte, mit denen wir uns überlegen und geschützt fühlen, immer schön angepasst an den Mainstream. Die Vernunft bleibt da leider auf der Strecke.

Aber können wir uns das wirklich noch leisten? Sollten wir nicht lieber rational entscheiden, wenn es um die Zukunft unserer Kinder geht?

Es tut mir leid, aber mein Experiment ist gescheitert. Ich kann zwar in gewisser Weise nachvollziehen, was sich Menschen von dem Kauf eines SUV versprechen. Aber überzeugt haben mich diese Argumente in keiner Weise. Wir alle haben eine Verantwortung gegenüber den nachfolgenden Generationen. Und dieser Verantwortung sollten wir uns stellen – anstatt auf lächerliche Werbeversprechen hereinzufallen.

Natürlich richtet jedes einzelne SUV nur einen überschaubaren Schaden an. Die Masse macht’s. Zwar sind SUV nicht alleine schuld am Klimawandel – der fossil angetriebene Autoverkehr insgesamt ist schlimm, Fliegen ist schlimmer, Kohleverbrennung und Fleischkonsum auch. Aber dass aufgeklärte Menschen, davon viele mit Kindern, in der heutigen Zeit noch auf diesen Fahrzeugtyp umsteigen, macht mich fassungslos.


For international readers: The English version of this post.

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