Essenz der Leere: Sonnenuntergang am Dieksee, Malente, Germany
Gedanken,  Lebensführung

„Die Essenz der Leere“ – mit Osho ab ins Nichts

Osho (1931-1990) war ein indischer Philosoph und spiritueller Lehrer, der auch unter den Namen Rajneesh und Bhagwan bekannt ist. In diesem Beitrag geht es um „Die Essenz der Leere“, das ist das erste Kapitel aus Oshos Vortragssammlung „Take it easy – Talks on Zen Buddhism“ von 1979. Ich muss zugeben, mit Zen-Buddhismus kenne ich mich nicht besonders gut aus, aber das macht nichts: In vielem von dem, was Osho hier beschreibt, spiegeln sich aus meiner Sicht die großen Herausforderungen der Gegenwart. Und manchmal scheint es mir, als könnte in Oshos Worten ein Ansatz zur Lösung liegen. Aber von Anfang an:

Pro Herz und Gefühl

In der ersten Hälfte von „Die Essenz der Leere“ („The Essence of Emptiness“) geht es um Gegensätze: Religion vs. Wissenschaft. Poesie vs. Prosa. Herz vs. Verstand. Fühlen vs. Denken. Und – wenig überraschend – hält Osho ein flammendes Plädoyer für ein Leben, das vom Herzen geführt wird und nicht vom Kopf. Seiner Meinung nach hat der moderne Mensch die Sprache des Herzens nahezu verlernt, weil sie im geschäftigen Alltag einfach nicht so nützlich ist wie die Sprache der Logik, des Denkens, der Vernunft. Er zitiert Sigmund Freuds „Die Zukunft einer Illusion“, wonach die Religion mit dem wissenschaftlichen Fortschritt zwangsläufig immer mehr an Bedeutung verliert.

Aber Osho widerspricht: „Wenn es keine Zukunft für Religion gibt, gibt es keine Zukunft für den Menschen.“ Und: „Der Sinn des Lebens ergibt sich nur aus dem Herzen.“ Da fällt mir gleich das berühmte Zitat aus „Der kleine Prinz“ ein: „Nur mit dem Herzen sieht man gut.“ (Antoine de Saint-Exupéry)

Contra Kopf und Verstand

Und Osho so: „In einer vernunftgesteuerten Welt hat eine Rose keine Schönheit – sie ist nur ein biologischer Fakt.“ Ein Mensch, der nur denkt, verpasse sein „richtiges Leben“ – er könne keine Liebe fühlen, sei nie ganz bei sich.

Womit mich Osho kalt erwischt: Von jeher bin ich ein Kopfmensch. Ich kann es nicht erklären, aber ich konnte mich noch nie fallenlassen, den Verstand nie ausschalten. Umso mehr bewundere ich Leute, die das können. Zu meinem kopfgesteuerten Wesen passt auch meine Ausbildung, mein Beruf: Informatiker, Ingenieur, Hochschullehrer für ein MINT-Fach. Vor über 20 Jahren bin ich aus der Kirche ausgetreten. Oje, ich scheine all das zu verkörpern, was Osho in „Die Essenz der Leere“ anprangert…

Dennoch gebe ich ihm größtenteils Recht: Der moderne Mensch – ich weiß, ich verallgemeinere, natürlich gibt es Ausnahmen – hat verlernt, die Welt mit seinem Herzen zu sehen. Er hat den Blick für das Schöne und Wahre auf diesem Planeten verloren. Wie sonst ist es zu erklären, dass er die Natur zerstört, deren Teil er mal war – bevor er die Natur zur bloßen „Umwelt“ umdefiniert hat? Dass er „Geld ausgibt, das er nicht hat, um damit Dinge zu kaufen, die er nicht braucht, um damit Leute zu beeindrucken, die er nicht mag?“ (Robert Quillen) Klingt erstmal lustig, ist aber eigentlich ganz, ganz bitter.

Natur als Religion

Wie ich oben geschrieben habe: Ich bin kein religiöser Mensch. Aber ich liebe die Natur. Und es tut mir im Herzen weh, wenn ich sehe, wie die Menschen die Natur kaputt machen – die Natur, ohne die wir nicht leben können auf diesem Planeten. Manchmal denke ich, die Natur ist meine Religion. Wenn ich in Oshos Text „Religion“ durch „Natur“ ersetze, passt es für mich perfekt: „Wenn es keine Zukunft für die Natur gibt, wird es keine Zukunft für den Menschen geben.“ Der Mensch hat verlernt, im Einklang mit der Natur zu leben, er hat sie sich „Untertan gemacht“ – ok, in der Bibel steht, dass er genau das tun sollte, aber ich bin mir sicher, damit war nicht Ausbeutung bis zum Äußersten gemeint.

Dazu passt auch das folgende berühmte Zitat des Astrophysikers Hubert Reeves, das – wie ich finde – den Nagel perfekt auf den Kopf trifft: „Der Mensch ist die dümmste Spezies! Er verehrt einen unsichtbaren Gott und tötet eine sichtbare Natur, ohne zu wissen, dass diese Natur, die er vernichtet, der unsichtbare Gott ist, den er verehrt.“

Essenz der Leere: Dieksee im Schnee, Malente, Germany

Wissenschaft: Krisentreiber oder Retter?

Aber Moment, was ist hier die Rolle der Wissenschaft? Auch ich als Kopfmensch muss zugeben: Ja, das rein rationale, logische Denken hat uns letztlich in die aktuelle, existenzbedrohende Lage gebracht – Klimakatastrophe, massenhaftes Artensterben, Plastikflut usw. All das ist durch technischen Fortschritt erst möglich geworden. Aber gleichzeitig ist die Wissenschaft heute der allergrößte Mahner.

Es sind eben nicht in erster Linie die großen Weltreligionen, die warnend ausrufen, dass die Existenz der Menschheit auf dem Spiel steht (von den üblichen Apokalyptiker:innen abgesehen). Im Gegenteil, man hat den Eindruck, dass das sprichwörtliche Gottvertrauen gläubige Menschen (natürlich nicht alle) davon abhält, selbst aktiv zu werden, um die Katastrophe abzuwenden. Es gibt ja sogar Glaubensgemeinschaften, die die Existenz eines menschengemachten Klimawandels immer noch abstreiten. Aus einer solchen Gemeinschaft heraus ist natürlich kein grundlegender Sinneswandel zu erwarten.

Da braucht es die laute Stimme der Wissenschaft, die unzählige Berechnungen, Modelle und Simulationen erstellt hat, wie sich das Klima bis zum Ende dieses Jahrhunderts entwickeln wird – je nachdem, ob die Menschen endlich das Ruder herumreißen oder eben nicht. Es ist schon paradox: Die Wissenschaft als der große „Gegenspieler“ der Religionen hat uns in die Krise geführt – und ist nun dennoch die lauteste Stimme, die uns wachrütteln soll aus unserem Konsumrausch und unserer Ignoranz.

Was begehrst du?

Apropos Konsumrausch, und hiermit zurück zu Osho: In der zweiten Hälfte von „Die Essenz der Leere“ fordert er uns dazu auf, zu unseren Ursprüngen zurückzukehren: „Only the source can be the goal.“ Also zurück zur Unschuld und Reinheit, die wir bei unserer Geburt noch hatten – bevor uns die weltlichen Begierden und Wünsche vereinnahmt und wir damit immer mehr den Kontakt zu unserem inneren Selbst verloren haben. Osho wirft den Religionen – den Buddhismus ausgenommen – vor, in eine Falle getappt zu sein: Sie würden zwar versuchen, nicht die Dinge dieser Welt zu begehren. Aber stattdessen hätten sie angefangen, die Dinge einer anderen Welt zu begehren – z. B. ewiges Leben mit Gott im Paradies.

Für Osho macht es keinen Unterschied, worauf sich die Begierde bezieht. Im Gegenteil, er wirft den Religionen sogar vor, besonders gierig zu sein: Während die „weltlichen“ Menschen nach vergänglichen Dingen strebten, gäben sich die Religionen damit nicht zufrieden – ihr Ziel sei das ewige Leben. Das kann man so sehen, wobei ich glaube, dass die weltlichen und die religiösen Menschen heute nicht mehr zwei separate Gruppen darstellen. Vielmehr sind es oft dieselben Menschen, die sowohl irdische Dinge (Konsum) als auch überirdische Dinge („in den Himmel kommen“) verfolgen. Da muss man sich nur die aktuellen Skandale in der sogenannten Christlich-Demokratischen Union vor Augen führen, Stichwort CDU-Maskenaffäre.

Ab ins Nichts – die Essenz der Leere

Wie gesagt, den Buddhismus nimmt Osho ausdrücklich aus. Ziel des Buddhismus sei es, sich tief in sein Selbst zurückzuziehen und sein eigenes Nichts zu erkennen. Osho so: „You are not, so you have not done anything. All the sins you committed will disappear together with yourself.“ Mit diesem Gedanken kann ich mich nicht recht anfreunden. Man könnte ihn als eine Art Freibrief verstehen, Sünden zu begehen. So nach dem Motto: Wenn man dann später sein eigenes Nichts entdeckt, verschwinden die begangenen Sünden gleich mit im Nichts. Wahrscheinlich ist es aber eher so gemeint, dass im Sinne des Buddhismus das irdische Leben als solches eine Sünde ist, der man durch tiefe Meditation entflieht. Osho so: „Not to be is virtue, to be is sin.“

Und da schließt sich der Kreis: Mir als 100%igem Kopfmenschen rät Osho, durch Meditation mein inneres Nichts zu entdecken – „die Essenz der Leere“. Wie soll das bloß gehen? Eins habe sogar ich begriffen: Darüber nachzudenken, ist definitiv der falsche Weg.

To be continued…

Epilog

Dieser Text über „Die Essenz der Leere“ soll der Auftakt zu einer Reihe von Beiträgen rund um Osho sein. In jedem Teil nehme ich mir eine seiner Abhandlungen vor und versuche, daraus Erkenntnisse für die Herausforderungen der Gegenwart zu finden. Wie ich auf diese Idee gekommen bin? Nun, ich habe seit einiger Zeit immer mal wieder das Problem, dass ich mitten in der Nacht aufwache und partout nicht wieder in den Schlaf finden kann. Da ich mich für Achtsamkeit interessiere, wollte ich die Wachzeit zumindest sinnvoll nutzen, indem ich Oshos Worten lausche. Das war manchmal hochinteressant und manchmal einschläfernd – was ja beides durchaus in meinem Sinne war… 😉 Morgens konnte ich mich oft nur noch an Fragmente erinnern.

Da ich aber immer wieder überrascht war, wie aktuell viele der angesprochenen Themen immer noch sind, habe ich beschlossen, meine Gedanken hierzu mit euch zu teilen. Ich freue mich sehr auf euer Feedback dazu – auch bzw. erst recht, wenn ihr Oshos Thesen anders interpretiert als ich.

Ich weiß, dass Osho durchaus umstritten ist und dass einige Aussagen von ihm zu Recht kritisiert werden. Weist mich gerne darauf hin, sollte ich mal eine kontroverse Aussage zu unkritisch stehen lassen.

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